
Detailhandel
Wachstumskategorien im Schweizer Detailhandel erkennen
Ein Umsatzplus allein macht noch keine Wachstumskategorie. Nominale Umsätze enthalten Preiseffekte: Steigen die Preise, wächst der Umsatz auch bei kleineren Mengen.
Wann eine Kategorie wirklich wächst
Ein Umsatzplus allein macht noch keine Wachstumskategorie. Nominale Umsätze enthalten Preiseffekte: Steigen die Preise, wächst der Umsatz auch bei kleineren Mengen. Reale Werte sind um die Preisentwicklung bereinigt und zeigen, ob Mengen oder Preise die Bewegung tragen.
Drei Prüfungen entscheiden, ob eine Kategorie als Wachstumskategorie gilt: wie lange die Bewegung anhält, wie breit sie über die Verkaufsstellen auftritt und wie stark reale und nominale Entwicklung auseinanderliegen.
Ein einzelner Monat genügt für keine dieser Prüfungen. Erst wenn dieselbe Richtung über mehrere Perioden und mehrere Verkaufsstellen sichtbar ist, ist die Bewegung strukturell und nicht kalender- oder aktionsbedingt.
Die Datengrundlage: Detailhandelsumsatzstatistik des BFS richtig lesen
Die Detailhandelsumsatzstatistik (DHU) des Bundesamtes für Statistik (BFS) ist eine monatliche Wirtschaftsstatistik zur Umsatzentwicklung im Detailhandel auf nationaler Ebene. Sie ist die Referenzgrösse dafür, ob eine Kategorie wächst.
Die Werte sind um Verkaufs- und Feiertagseffekte bereinigt und werden nominal wie real ausgewiesen. Für Dezember 2025 meldete das BFS für den Detailhandel ohne Tankstellen ein nominales Wachstum von 2,2 Prozent und ein reales von 3,3 Prozent.
Gegliedert wird in den Detailhandel mit Nahrungsmitteln, Getränken und Tabakwaren sowie in den Nicht-Nahrungsmittelsektor. Die Werte zum Juni 2026 sind provisorische BFS-Ergebnisse und können später revidiert werden.
Beim Vergleich von Monatswerten sind die bereinigten Reihen zu verwenden, nicht die Rohwerte. Rohwerte schwanken mit der Zahl der Verkaufstage und sagen darum nichts über die Nachfrage aus.
Food und Non-Food laufen auseinander
Im Dezember 2025 legte der Detailhandel mit Nahrungsmitteln, Getränken und Tabakwaren nominal um 1,0 Prozent zu (real 1,3 Prozent), der Nicht-Nahrungsmittelsektor nominal um 3,8 Prozent (real 5,2 Prozent). Non-Food wuchs in diesem Monat deutlich stärker als Food.
Im Juni 2026 drehte das Bild: Food nahm nominal um 1,2 Prozent zu (real 2,1 Prozent), Non-Food ging nominal um 0,6 Prozent zurück (real plus 1,0 Prozent). Die Richtung kippt je nach betrachtetem Monat.
Für das Gesamtjahr 2025 weist der Handel einen Umsatz von 104,7 Milliarden Franken aus, ein Plus von 1,0 Prozent. Der Food-Bereich wuchs um 2,1 Prozent, der Non-Food-Bereich ging um 2,7 Prozent zurück, nach einem Minus von 0,1 Prozent im Vorjahr.
Im Non-Food-Bereich verschieben strukturelle Veränderungen die Vergleichsbasis. Die Migros veräusserte Bike World im März 2025 und OBI Schweiz im April 2025, schloss die Do-it-Plus-Garden-Filialen und übergab micasa im September 2025 im Rahmen eines Management Buy Outs.
Mit Rossmann und Action traten zwei internationale Anbieter mit Expansionsstrategie in den Schweizer Markt ein. Wechsel von Verkaufsstellen und Sortimenten erschweren den Vergleich einzelner Kategorien über zwei Jahre hinweg.
Entwicklung von Food und Non-Food im Detailhandel (Dezember 2025 – Juni 2026)
Onlinehandel: zwei Wachstumskategorien mit unterschiedlicher Herkunft
Der Onlinehandel ist kein blosser Zusatzkanal, sondern ein eigener Wachstumsbereich. Der B2C-Umsatz stieg 2025 um 900 Millionen auf 15,8 Milliarden Franken.
Innerhalb dieses Bereichs wachsen zwei Segmente unterschiedlich schnell: Käufe über .ch-Domains nahmen um 6 Prozent zu, der grenzüberschreitende Onlinehandel um 8 Prozent. Von den .ch-Zuwächsen profitierten vor allem lokale Pure Player.
Evgenij Isakulov, E-Commerce Leader bei NielsenIQ Switzerland und Austria, hält fest, dass die Bedeutung ausländischer Anbieter im Schweizer Onlinehandel weiter zunimmt. Für Sortimente und Preispositionierung heisst das: Lokale Anbieter konkurrieren zunehmend über Nähe, Lieferung und Sortiment, während der Preisvergleich direkt mit ausländischen Plattformen stattfindet.
Filialnetz und Einkaufsverhalten als Wachstumstreiber
Wachstum zeigt sich auch im Netz, nicht nur im Umsatz. Nachdem die Zahl der Verkaufsstellen im Lebensmittelbereich seit 2000 um fast 29 Prozent zurückgegangen ist, wächst sie wieder, getrieben durch die Expansion von Discountern und Grossverteilern.
Silke Volejnik, Retail Leader bei NielsenIQ Switzerland, ordnet ein: «Der aktuelle Ausbau des Filialnetzes im Lebensmittel-Detailhandel trägt dem anhaltenden Trend zu einer steigenden Anzahl kleinerer Einkäufe Rechnung.»
Für die Beurteilung einer Kategorie sind drei Grössen zu verknüpfen: Verkaufsstellendichte im Einzugsgebiet, Einkaufsfrequenz der Kundschaft und Sortimentsgrösse pro Fläche. Häufigere, kleinere Einkäufe verlangen andere Sortimentstiefen als der Wocheneinkauf.
Regionale Kaufkraft entscheidet, wo eine Kategorie trägt
Nationale Wachstumszahlen verdecken regionale Unterschiede. Die Kaufkraft je Einwohner liegt in der Schweiz bei knapp 50'000 Franken, genau bei 49'921 Franken, bei einer gesamten Kaufkraftsumme von 440,1 Milliarden Franken. Das Marktforschungsinstitut GfK definiert Kaufkraft als Summe aller Nettoeinkünfte der Bevölkerung.
Der Kanton Zug führt mit gut 82'000 Franken je Einwohner, der Jura liegt mit 41'819 Franken am tiefsten. Nur acht der 26 Kantone erreichen eine überdurchschnittliche Pro-Kopf-Kaufkraft.
Die regionalen Disparitäten haben sich über die Jahre kaum verändert, wie regiosuisse festhält. Regionen innerhalb des NRP-Perimeters weisen ein tieferes durchschnittliches Reineinkommen pro Kopf auf.
Dieselbe Kategorie kann regional unterschiedlich tragfähig sein. Sortimentsbreite, Fläche und Preisniveau sind pro Standort zu beurteilen, nicht nur national.
Regionale Kaufkraft je Einwohner in der Schweiz (2025)
Grenzen der Einordnung
Monatsresultate des BFS sind teilweise provisorisch und werden nachträglich revidiert. Wer Entscheide auf einzelne Monatswerte stützt, stützt sie auf einen vorläufigen Stand.
Verkaufs- und Feiertagseffekte verschieben Monatswerte erheblich. Nur die bereinigten Reihen erlauben einen Vergleich der Nachfrage; Rohwerte vergleichen Verkaufstage.
Viele Meldungen nennen ausschliesslich nominale Veränderungen. Ohne realen Wert bleibt offen, wie viel der Bewegung auf Preise entfällt.
Verkäufe, Übernahmen und Schliessungen von Verkaufsstellen verschieben die Vergleichsbasis. Vorjahresvergleiche messen dann teilweise den Strukturwandel und nicht die Kategorienachfrage.
Vorteile und Herausforderungen bei der Beurteilung von Wachstumskategorien
- Pro
- Bereinigte Reihen ermöglichen Vergleichbarkeit der Nachfrage
- Con
- Provisorische Monatswerte können später revidiert werden
- Pro
- Realwerte zeigen Mengenentwicklung unabhängig von Preisen
- Con
- Verkaufsstellenshifte erschweren Vorjahresvergleiche
Vom Befund zur Kategorieentscheidung
Monatswerte gegen den Jahresverlauf stellen: Ein Monatsausschlag wird erst zur Entscheidungsgrundlage, wenn er sich im Jahres- und Mehrjahresverlauf bestätigt.
Real messen, nicht nur nominal: Die reale Reihe zeigt, ob Mengen oder Preise das Wachstum tragen. Ein nominales Plus bei rückläufiger realer Menge ist keine wachsende Kategorie.
Food und Non-Food getrennt beurteilen: Beide Bereiche folgen unterschiedlichen Mustern, wie die Werte aus Dezember 2025 und Juni 2026 zeigen. Ein Durchschnitt über beide verdeckt die Bewegung.
Onlineanteil und Herkunft der Nachfrage einbeziehen: Ob Zuwächse über .ch-Domains oder über grenzüberschreitende Kanäle entstehen, verändert Sortiment- und Preisentscheide.
Region und Verkaufsstellennetz prüfen: Kaufkraft je Einwohner und Verkaufsstellendichte bestimmen mit, welche Kategorie an einem Standort trägt.
Als entscheidende Faktoren für die kommende Periode werden klare Positionierung, tragfähige Sortimente und Kundennähe genannt.


